Wie sieht das Stromnetz der Zukunft aus? Es ist dezentral und flexibel, wird von intelligenten Algorithmen geregelt und aus erneuerbaren Energiequellen gespeist. Doch bevor solche Netze Realität werden, müssen einzelne Anlagen, dezentrale Netzstrukturen und intelligente Regelalgorithmen unter kontrollierten Bedingungen entwickelt und validiert werden. Genau hier setzt das Microgrid-Labor der Universität Paderborn an und bietet eine Forschungsumgebung, in der zentrale Bausteine zukünftiger Energiesysteme realitätsnah untersucht werden können – mit SCALEXIO von dSPACE als zentralem Werkzeug.
Was ist ein Microgrid und warum ist es so wichtig?
Ein Microgrid ist mehr als nur ein kleines Stromnetz. Es ermöglicht durch intelligenten Betrieb und dezentrale Energiespeicherung die Deckung des lokalen Energiebedarfs durch lokale Erzeugung. Dabei kann es sowohl autark als auch gekoppelt mit dem öffentlichen Netz betrieben werden.
Als Schlüsseltechnologie der Energiewende ermöglichen Microgrids eine flexible, robuste und nachhaltige Energieversorgung. Sie helfen, den steigenden Energiebedarf effizient zu managen, Lastspitzen auszugleichen und die Versorgungssicherheit, zum Beispiel bei Netzausfällen, zu erhöhen. Durch die intelligente Kopplung von lokalen Erzeugern und Verbrauchern reduzieren sie den Ausbaubedarf des Verteilnetzes und ermöglichen den bedarfsgerechten Einsatz erneuerbarer Energien.
Das steigert nicht nur die Energieeffizienz und senkt den CO₂-Ausstoß, sondern bietet auch wirtschaftliche Vorteile: Durch intelligente Regelung können Netzbezug und Kosten minimiert werden, insbesondere in energieintensiven Bereichen wie Industrieparks. Gleichzeitig erhöht ein Microgrid die Versorgungssicherheit für kritische Infrastrukturen, die auch bei einem Netzausfall weiter betrieben werden müssen.
Wie können Microgrids realitätsnah in einer Laborumgebung getestet werden?
Mit dem Microgrid-Labor hat die Universität Paderborn eine moderne Forschungsumgebung geschaffen, in der neue Technologien für lokal begrenzte Stromnetze entwickelt werden können. Im Labor werden Energiequellen, Speicher und Lasten miteinander vernetzt und in Echtzeit emuliert, um ihr Zusammenspiel unter realitätsnahen Bedingungen gezielt zu untersuchen.
Im Gegensatz zu einer reinen Simulation, bei der die physikalischen Größen berechnet werden, wird im Microgrid-Labor das Energienetz emuliert. Dabei werden Modelle von Netzkomponenten, beispielsweise einer Windkraftanlage, in Echtzeit berechnet. Dieses Modell wird dann verwendet, um einen Umrichter so zu regeln, dass dieser den Strom ins Netz einspeist, den die Windkraftanlage ausgeben würde. Gleichzeitig geschieht dies in einer kontrollierten Umgebung, so dass weder reale Anlagen noch das Verteilnetz gefährdet werden, und bietet somit auch die Möglichkeit, innovative Ansätze in einem Hardware-Aufbau zu testen.
Um dies zu ermöglichen, umfasst die technische Infrastruktur 16 Umrichterknoten mit jeweils 250 kVA Nennleistung, die das Verhalten unterschiedlichster Energiequellen, Speicher oder Lasten realitätsnah abbilden können. Insgesamt steht damit eine installierte Leistung von 4 MVA zur Verfügung, die beispielsweise in 2 MVA für Quellen und 2 MVA für Lasten aufgeteilt werden kann. Damit können unter sicheren Laborbedingungen Komponenten emuliert und Netze mit realen Leistungsflüssen getestet werden, die realen Netzkomponenten mit nur geringen Skalierungsfaktoren entsprechen und somit praxisnahe Untersuchungen ermöglichen.
In Kombination mit einer leistungsfähigen Regelungsebene und detaillierten Modellen entsteht so eine modulare Plattform zur Erforschung zentraler Fragestellungen rund um das Microgrid, von der Integration erneuerbarer Energien bis zum intelligenten Lastmanagement.
Welche Rolle spielt SCALEXIO im Microgrid-Labor?
SCALEXIO von dSPACE wird im Microgrid-Labor als zentrales Echtzeitsystem für Regelungsanwendungen und zur Emulation der Energienetzkomponenten eingesetzt. Die Plattform führt Modelle komplexer Netzkomponenten in Echtzeit aus und sorgt dafür, dass ein Umrichter den Strom in das Microgrid einspeist, der der emulierten Komponente entspricht. So kann sich beispielsweise ein Umrichterknoten im Labor wie eine Windkraftanlage verhalten und entsprechende Ströme einspeisen.
Dank hoher Rechenleistung und flexibler Konfigurationsmöglichkeiten lässt sich SCALEXIO präzise an unterschiedliche Forschungsaufgaben anpassen. So können sowohl einzelne Komponenten als auch das Verhalten des Gesamtsystems unter realitätsnahen Bedingungen untersucht sowie innovative Regelungs- und Steuerungsansätze getestet werden.
Ermöglicht wird diese Vielseitigkeit durch den modularen Aufbau des Systems, das aus insgesamt zehn SCALEXIO-Echtzeitsystemen besteht: Zwei SCALEXIO Processing Units übernehmen die zentralen Berechnungen für die übergeordneten Netzregelungen, während acht SCALEXIO LabBoxes die Hardware ansteuern und die Echtzeitregelung auf Komponentenebene übernehmen. So lässt sich das Verhalten einzelner Umrichter ebenso detailliert abbilden wie das gesamte Microgrid im Zusammenspiel.
Mit den SCALEXIO-Systemen kann das Microgrid-Labor der Universität Paderborn unterschiedlichste Microgrid-Konfigurationen emulieren und unter realitätsnahen Bedingungen testen.
Woran arbeitet die Universität Paderborn derzeit in der Microgrid-Forschung?
Aktuell steht ein besonders zentraler Aspekt im Fokus der Microgrid-Forschung: die Entwicklung und Validierung innovativer Regelungsverfahren für einzelne Umrichter sowie deren Zusammenspiel. Dies ist entscheidend für den Betrieb dezentraler Energiesysteme, da sie unter anderem den Energiefluss zwischen Erzeugern, Speichern und Lasten regeln.
Die Experten im Microgrid-Labor der Universität Paderborn konzentrieren sich derzeit auf zwei vielversprechende Ansätze zur Regelung von Umrichtern:
- Reinforcement Learning setzt auf künstliche Intelligenz, die durch Versuch und Irrtum lernt, Umrichter optimal zu regeln. Erfolgreiches Verhalten bezüglich Systemstabilität oder Effizienz wird belohnt, wodurch dieser datengetriebene Ansatz neue Möglichkeiten für adaptive Regelungsstrategien eröffnet. Zudem kann die Regelerauslegung automatisiert werden, was angesichts des Fachkräftemangels ein wichtiger Vorteil ist.
- Die modellprädiktive Regelung verfolgt einen mathematischen Ansatz. Auf Basis eines dynamischen Modells sagt das System zukünftige Zustände voraus und trifft entsprechend optimierte Entscheidungen. Dieses Verfahren ermöglicht deutlich schnellere Reaktionszeiten als klassische Regelungsverfahren und damit eine optimale Ausnutzung der Energieressourcen.
Welche Bedeutung hat das Microgrid-Labor für die Energieversorgung von morgen?
Das Microgrid-Labor der Universität Paderborn zeigt, wie Forschung für zukünftige Energiesysteme unter realitätsnahen Bedingungen gelingen kann. Die Infrastruktur mit ihren leistungsstarken Umrichterknoten ermöglicht es, erneuerbare Energien, Speicher und Lasten in ihrer Dynamik nachzubilden und zentrale Fragestellungen zu Netzstabilität, Lastmanagement oder Inselbetrieb sicher zu untersuchen. So können Technologien und Konzepte bereits im Labor evaluiert werden, was einen wichtigen Beitrag zur Beschleunigung der Transformation hin zu dezentralen, resilienten Energiesystemen leistet.
Mit SCALEXIO steht eine Echtzeitplattform zur Verfügung, die Regelungs- und Testanwendungen nahtlos verbindet: Sie führt Modelle in Echtzeit aus, emuliert elektrische Komponenten und ermöglicht gleichzeitig die Entwicklung und Erprobung moderner Regelungsverfahren wie KI-basierter und modellprädiktiver Ansätze sowie die Validierung von Komponenten, Schnittstellen und kompletten Microgrid-Szenarien unter realen Bedingungen. Auf dieser Basis werden Lösungen nicht nur konzipiert, sondern messbar robust, effizient und betriebssicher gemacht – bis hin zum Zusammenspiel im Gesamtsystem.
Mit freundlicher Genehmigung der Universität Paderborn
dSPACE MAGAZIN, VERÖFFENTLICHT April 2026
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Die Experten zeigen, welche zentrale Rolle das Microgrid-Labor in Forschung und Entwicklung spielt.
Der Artikel entstand in enger Zusammenarbeit mit folgenden Personen:
Dominik Schmies
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Leistungselektronik und Elektrische Antriebssysteme, Universität Paderborn
Daniel Weber
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Leistungselektronik und Elektrische Antriebssysteme, Universität Paderborn